Krisen, Marktdynamik und Merit-Order: Warum schwanken Strompreise so stark? Lesen Sie, wie Marktmechanismen sich auf den Energiepreis auswirken und wie sich Ihr Stromlieferpreis zusammensetzt.
Warum Energiepreise so im Fokus stehen
In den letzten Jahren sind Energiepreise stärker in den Mittelpunkt gerückt als je zuvor. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Gaskrise 2022, die fortschreitende Energiewende, der notwendige Netzausbau, Wetterlagen und nicht zuletzt aktuelle geopolitische Spannungen haben gezeigt, wie eng der Strompreis an globale und nationale Entwicklungen gekoppelt ist. Strom ist eine Ware, die in Echtzeit erzeugt und verbraucht werden muss. Das macht ihn besonders empfindlich gegenüber Veränderungen auf den Energie-und Brennstoffmärkten.
Was den Strompreis am deutschen Markt beeinflusst
Der Strommarkt Deutschland wird von einer Vielzahl von Faktoren geprägt. Auf der Angebotsseite spielen vor allem die Brennstoffpreise sowie die Verfügbarkeit von Kraftwerken eine zentrale Rolle. Hinzu kommt die Einspeisung aus Wind- und Sonnenenergie: Bei viel Wind oder starker Sonneneinstrahlung steigt das Angebot an günstigem Strom, der Börsenstrompreis sinkt; an wind- und sonnenarmen Tagen verschiebt sich das Bild deutlich.
Auf der Nachfrageseite wirken Tageszeit, Wochentag, Witterung und wirtschaftliche Aktivität. Auch die Netzsituation sowie der Stromaustausch mit europäischen Nachbarländern beeinflussen die Preisbildung. Engpässe oder Kraftwerksausfälle können kurzfristig zu Preisspitzen führen, eine sehr hohe Erneuerbaren-Erzeugung dagegen sogar zu negativen Preisen.
Das Merit-Order-Prinzip einfach erklärt
Die Reihenfolge, in der Kraftwerke zur Stromerzeugung herangezogen werden, folgt dem sogenannten Merit-Order-Prinzip. Alle Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten, also den Kosten für die Erzeugung einer zusätzlichen Kilowattstunde, sortiert. Zuerst kommen Erzeuger mit sehr niedrigen Grenzkosten zum Einsatz, etwa Wind- und Photovoltaikanlagen, anschließend Laufwasser, Braun- und Steinkohle und schließlich Gaskraftwerke.
Eingesetzt werden so viele Kraftwerke, bis die Nachfrage gedeckt ist. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt für alle anderen den Börsenstrompreis, den sogenannten Markträumungspreis. In Zeiten hoher Gaspreise sind häufig Gaskraftwerke preissetzend, was den Anstieg der Spotmarktpreise in der Energiekrise wesentlich erklärt.
Spotmarkt und Day-Ahead-Markt
Strom wird in Deutschland und Mitteleuropa unter anderem an der EPEX Spot, der European Power Exchange, gehandelt. Auf dem Day-Ahead-Markt geben Marktteilnehmer täglich bis zur Mittagsauktion Gebote für die Lieferung am Folgetag ab. Seit dem 30. September 2025 erfolgt die Preisbildung dort in 15-Minuten-Intervallen, was eine noch genauere Abbildung von Angebot und Nachfrage ermöglicht. Auf dem Intraday-Markt kann Strom anschließend bis kurz vor der physischen Lieferung gehandelt werden, um Prognoseabweichungen auszugleichen.
Daraus ergeben sich Chancen, etwa wenn Verbrauch in günstige Stunden verlagert werden kann. Zugleich entstehen Risiken: Wetterextreme, Kraftwerksausfälle oder geopolitische Ereignisse können Preise binnen Stunden deutlich verändern.
Wichtige Begriffe am Strommarkt
In der Energiewirtschaft begegnen einige Fachbegriffe immer wieder. Der Spotpreis ist der an der Börse für eine bestimmte Lieferzeit gebildete Marktpreis. Die EPEX Spot ist die zuständige Strombörse für den Kurzfristhandel in weiten Teilen Europas. Direktvermarktung bezeichnet den Verkauf von Strom aus erneuerbaren Anlagen unmittelbar am Markt, ergänzt um die Marktprämie nach EEG. Ein PPA (Power Purchase Agreement) ist ein langfristiger bilateraler Stromliefervertrag, häufig zwischen Anlagenbetreibern und Industrieabnehmern.
Jeder Stromlieferant arbeitet mit einem Bilanzkreis, in dem geplanter Verbrauch und geplante Erzeugung viertelstundengenau abgebildet werden; entstehen Abweichungen, werden diese als Ausgleichsenergie über die Übertragungsnetzbetreiber abgerechnet.
Wie sich ein Stromlieferpreis zusammensetzt
Ein Stromlieferangebot in Deutschland besteht aus mehreren Komponenten. Den größten Anteil machen aktuell die Beschaffungskosten samt Vertrieb und Marge aus. Sie liegen je nach Marktlage typischerweise bei rund 40 Prozent des Endpreises. Hinzu kommen die Netzentgelte für Transport und Verteilung, Steuern wie Stromsteuer und Mehrwertsteuer, gesetzliche Umlagen (zum Beispiel KWKG-Umlage, Offshore-Netzumlage, Aufschlag für besondere Netznutzung) sowie die Konzessionsabgabe an die Kommunen. Daneben fallen Kosten für den Messstellenbetrieb sowie für Abwicklung, Risikoabsicherung und die Marge des Lieferanten an. Die EEG-Umlage wurde Mitte 2022 abgeschafft und ist seitdem kein Bestandteil des Strompreises mehr.
Marktbasierte Stromliefermodelle: Chancen und Risiken
Eine spotmarktbasierte Stromlieferung kann sich besonders für Kunden eignen, die Marktchancen nutzen möchten und bereit sind, Preisschwankungen bewusst einzuordnen. Die Vorteile liegen in höherer Transparenz, einer engen Nähe zum tatsächlichen Marktgeschehen und der Möglichkeit, von sinkenden Börsenpreisen zu profitieren, insbesondere, wenn Verbrauch flexibel in günstige Stunden verlagert werden kann.
Den Chancen stehen Risiken gegenüber: Marktbasierte Modelle reagieren stärker auf kurzfristige Entwicklungen, Preise können über Stunden, Tage oder Wochen deutlich schwanken. Wer wenig Flexibilität im Lastprofil hat oder besondere Planungssicherheit benötigt, sollte das berücksichtigen.
Empfehlung und Fazit
Vor der Wahl eines Stromliefermodells lohnt es sich, das eigene Verbrauchsprofil, den Bedarf an Planungssicherheit und die persönliche Risikobereitschaft realistisch einzuschätzen. Vergleichen Sie Festpreis-, Tranchen- und marktbasierte Modelle in Ruhe und achten Sie auf Vertragslaufzeit, Preisbestandteile und Anpassungsmechanismen. Wer Flexibilität besitzt und Schwankungen mitnehmen möchte, kann von marktbasierten Stromliefermodellen profitieren. Wer auf konstante Preise setzt, ist mit Festpreis- oder Tranchenmodellen häufig besser beraten.
Energiepreise werden auch in den kommenden Jahren durch Brennstoff- und CO₂-Preise, Wetterlagen, geopolitische Entwicklungen sowie den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien und der Netzinfrastruktur geprägt sein. Wer die Mechanismen hinter Strompreis, Merit-Order und Spotmarkt versteht, kann Angebote besser einordnen und eine fundierte Entscheidung für das passende Stromlieferangebot treffen.
